Moin allesamt.
Viele Threads haben wir hier, in welcher die Qualität einzelner Veröffentlichungen besprochen werden kann. Hier folgend mal ein Beitrag zu einer Band als solcher.
Ich habe bemerkt, dass, wenn jemand von einer Band oder einem Künstler geschwärmt hat und ich am Tag drauf zum Probehören in den Musikladen gegangen bin, nicht so recht wusste, wo der jenige seine Faszination an der Musik hernahm. Widerum war es für mich oft besser nachzuvollziehen, was den konkreten Zauber ausmacht, wenn ich mehr über die Band und die Hintergründe wusste.
Da wir letztens in einem anderen Thread kurz bei Joy Division waren, möchte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und hier zu wohl einer der ersten Düster-Band kurzes Porträt aus meiner Sicht ablassen.
Vielleicht hat der eine oder andere ja ebenfalls etwas mehr zu Künstlern zu sagen, deren Arbeit auf ihre Weise beeindurckend ist. Mich würde es freuen!
Hier also mein Opener zu Joy Division:
JOY DIVISION
Eine Band, die mir seit vielen Jahren vom Namen her bekannt war, deren Musik mich aber nie so richtig interessierte. Bis zum Frühjahr 2003.
Für mich brauchte es eine Taxifahrt einer Bekannten, die begeistert von einem ihr bekannten Lied schwärmte, dass sie gerade im Autoradio des Fahrdienstleisters gehört hatte. Nach einigem herumrätseln kamen wir auf „Love will tear us apart“, das ich seinerzeit nur als Coverversion auf der 83er LP von Paul Young „No Parlez“ hatte. Diese Version war aber nicht das eben gehörte, sondern etwas abgefahreneres mit mehr Seele. Schließlich kamen wir auf Joy Division als Urheber des Titels der Begierde. Und damit ist auch schon das bekannteste und eingängigste Stück der Kultband aus Manchester genannt.
Joy Division erschließt sich dem geneigten Zuhörer nicht auf Anhieb, sondern braucht wirklich Zeit der Muße. Steigt man aber in die Materie ein, erschließt sich einem ein Universum von Düsternis, das nicht um seiner selbst Willen existiert, weil es gerade „in“ ist oder war. Dafür war es damals (Mitte/ Ende der 70er) noch zu früh. Es ist vielmehr eine Auseinandersetzung eines belesenen, kettenrauchenden Früh-Zwanzigers mit der Welt, die für ihn letztlich nicht auszuhalten zu sein scheint.
Der Rest ist Geschichte und Legende. Nach nur zwei Studioalben strangulierte sich Ian Curtis am Sonntag den 18.05.1980 mit 23 Jahren in der Küche seines Hauses. Seine Frau findet ihn. Er hinterlässt sie und die gemeinsame kleine Tochter. Am Montag sollte die erste kleine Tournee nach Amerika losgehen. Die restlichen Bandmitglieder gingen in New Order auf, deren 83er Single „Blue Monday“ eben dieses Gefühl der Band widerspiegeln soll, das der übrig bleibende Rest am Montagmorgen des Bekanntwerdens von Curtis’ Tod hatte. Neben der Trauer hatten wohl auch noch andere Gefühle der Band gegenüber ihrem Sänger Platz...
Ich habe die Biografie über Ian Curtis (geschrieben von seiner Frau) „Aus der Ferne“, die einen persönlichen und sehr eigenen Blick auf die Band und ihren Frontmann vermittelt, verschlungen. Dieses Buch bietet einen tollen Einstieg in die damalige Zeit.
Gegründet um 1977 (damals noch unter den Namen Warsaw) benannte man sich später in Joy Division um. Stiff Kittens war wohl ebenfalls ein Name, der für die Band mal zur Disposition stand.
Joy Division sind m.E. schwer in eine Schublade zu packen. Sie sind düster und abrechend. Falls man einen hinkenden Vergleich mit The Cure ziehen möchte, sind Joy Division in der Tiefe der Texte sicherlich eine Spur weiter, als The Cure es in 1978/79 waren (deren frühe Alben ebenfalls grandios sind). Joy Division sind aber trotz eindeutiger Texte beim besten Willen nicht in die Grufti-Ecke zu stecken (ohne zu verneinen, dass sie dafür sicherlich entscheidende Impulse geliefert haben). Dafür ist der Drive auf dem Debüt „Unknown Pleasures“ einfach zu stark und die Texte von Curtis stellen mehr Fragen oder beschreiben Situationen des Lebens in seiner Wahrnehmung, als dass Todessehnsucht proklamiert würde.
Die wenigen Fernsehaufnahmen, die es von Joy Division gibt, zeigen ein jungen, sehr großen, bisweilen schlaksigen Ian Curtis, der versucht, sich passend zur Musik zu bewegen. Hier sind wir bei einem weiteren imageträchtigen Punkt von Joy Division. Neben einer Sonnenallergie hatte Ian Curtis epileptische Anfälle, die hier und da in Auftritte „hereinplatzten“. Als Stilmittel fehlinterpretiert, ging es seinerseits jedoch um die eigene Gesundheit. Ein weiterer Ansatz für Spekulationen um seinen frühen Freitod.
Die Musik:
Es ist immer schwer, Beschreibungen zu finden. Ich möchte mich hier auf die beiden regulär erschienenen Alben beziehen und stelle für mich eine stilistische Mischung fest, die sich bewegt zwischen dem Soundtrack eines Psychothrillers und Rock and Roll.
Zentral ist sicherlich Curtis’ zerbrechliche Stimme die eingebettet ist, in psychedelische Basslinien und Rhythmusgitarren, konkretem Beat und ersten zaghaften synthetischen Sounds. Vergessen werden sollte nicht, dass es sich trotz Plattenvertrags um eine Band handelte, die zu ihrer Zeit keine triumphalen Stadienerfolge feierte und alle Zeit der Welt in großen Studios zubringen konnte. Der große Ruhm kam wie so oft posthum.
Das spiegelt sich m.E. ebenfalls in der Produktion wider, die es verbissen mit den zur Verfügung stehenden Studiomitteln schafft, diesen unverkennbaren Stil abzubilden. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, für einen Hall auf dem Schlagzeug die physikalischen Voraussetzungen schaffen zu müssen, was seinerzeit Gang und Gäbe war. Dreht man dato am FX-Rack einen kurzen, harten Feder-Hall auf die Rhythmussektion um ein unterkühltes Feeling zu erzeugen, musste man damals das ganze Drumset mit seiner beschränkten Soundvielfalt (es gab noch kein Sampling!) im gefliesten Bad oder Schlachthaus mikrophonieren. Und eben dieser hier und da dünne Sound schafft eine Morbidität, die, verbunden mit dem Genuss von Curtis’ Texten nur schwer eine vergleichbare Atmosphäre schafft.
Der Post-Punk spielt hier noch eine gewichtige Rolle, was sich m.E. in den schnellen und bisweilen relativ hoch gespielten Basslinien ausdrückt. Dabei ist das Ganze aber ausgereifter und ernsthafter angelegt, als der in den Ausläufern seiner ersten Welle befindliche Punk, der oft die pure Energie und Schreien um des Schreiens Willen war, was in Betrachtung der historischen Einordnung wichtig und wegweisend war. Schreit Curtis jedoch, dann ist es eindringlich und charakterisiert seinen Blick aufs Leben.
Ian Curtis ist hierbei kein Krawallo mit hochgestellten Haaren, der gegen das Establishment revolutioniert, sondern ein intellektueller, zerbrechlicher Geist der versucht, so gut es geht zu singen und seiner Pein Ausdruck zu verleihen. Alles andere, als peinliche oder berechnende Show.
Die beiden regulären Studioalben „Unknown Pleasures“ (1979) und „Closer“ (1980, VÖ verzögert durch den Tod von Ian Curtis) bilden für mich dieses „Universum Joy Division“. Und irgendwie sind sie eine untrennbare Einheit.
Das etwas offensivere „Unknown Pleasures“ mit dem Opener „Disorder“ der die Aussage „I’ve been searching for a guide to take me by the hand…“ in dem Raum nagelt und das von vielen Musikliebhabern als Meilenstein der britischen Musikgeschichte bezeichnete „Closer“ (closer wozu… zum eigenen Ende?!) mit seinem Schlusstrack „Decades“ der auf den Hörer so seltsam vertraut und final wie abschließend wirkt, bilden fast einen magischen Zirkel. Die Unterkühltheit und der Abstand zum Leben, der irgendwann in der Musik der frühen 80er chic wurde, ist hier bereits bis zum Letzten aufgearbeitet.
Hier einzelne Titel herauszugreifen, wäre fehl am Platze. Einen Rotwein, Schummerlicht und diese beiden Alben in der aktuellen Herbststimmung… Das passt.
Die weiterhin zu den beiden Alben wohl alle offiziell erhältlichen Scheiben, sind:
„Still“: Eine 1981, ca. 1 Jahr nach Curtis’ Tod erschiene Compilation mit …previously unreleased tracks… und einigen Liveaufnahmen. Nichts anderes, als der heutzutage übliche Weg, das vorhandene musikalische Material an den Markt zu bringen. Und somit aber letztlich auch den Fans die Möglichkeit zu geben, „nachzuhören“ über die bekannten VÖs hinweg.
„Preston 28/02/1980“ Ein Konzertmitschnitt gleichen Datums, der einen guten Einblick in die „all day“ Joy Division gibt.
„Substance 1977-1980“ und „Permanent“ sind Compilations, die den Blick auf Joy Division abrunden. Neben alten Warsaw-Aufnahmen findet man hier verschiedene Tracks, die auf den beiden Alben nicht enthalten sind, sowie z.T. völlig andere Abmischungen bekannter Titel (z.B. „She lost control“).
Meine Empfehlung für den Einstieg in die packende Materie sind die beiden Alben „Unknown Pleasure“ und „Closer“ alles andere werdet Ihr euch sowieso wohl auch holen. Später. Wenn man „closer“ an Joy Division ist.
So ziemlich alle CDs gibt’s für kleines Geld.
So long.
Stefan
P.S. Für weitere Infos empfehle ich Wiki sowie die Suche im Netz.
Porträt - JOY DIVISION
Moderatoren: Tubes, Moderatorenteam, China
Porträt - JOY DIVISION
Zuletzt geändert von dunglass am Di 3. Okt 2006, 22:49, insgesamt 4-mal geändert.
Ich sage JA zu deutschen Röhrenverstärkern.
_________________
_________________
- Analog_Tom
- Spezialist

- Beiträge: 4656
- Registriert: Sa 14. Mai 2005, 22:38
- Wohnort: Eifel
Zwei Links fuer Interessierte
LP fuer Mehrwoller:
hxxp://cgi.ebay.de/Joy-division-heart-and-soul-rare-vinyl-lp-mint-fac-204_W0QQitemZ280035606736QQihZ018QQcategoryZ58622QQssPageNameZWD2VQQrdZ1QQcmdZViewItem
CD Pack fuer Starter:
hxxp://cgi.ebay.de/JOY-DIVISION-Heart-And-Soul-4CD-box-set-NEW-81-tracks_W0QQitemZ330039028448QQihZ014QQcategoryZ58593QQssPageNameZWD2VQQrdZ1QQcmdZViewItem
LP fuer Mehrwoller:
hxxp://cgi.ebay.de/Joy-division-heart-and-soul-rare-vinyl-lp-mint-fac-204_W0QQitemZ280035606736QQihZ018QQcategoryZ58622QQssPageNameZWD2VQQrdZ1QQcmdZViewItem
CD Pack fuer Starter:
hxxp://cgi.ebay.de/JOY-DIVISION-Heart-And-Soul-4CD-box-set-NEW-81-tracks_W0QQitemZ330039028448QQihZ014QQcategoryZ58593QQssPageNameZWD2VQQrdZ1QQcmdZViewItem
hiho,
mitte der 80er hörte ich zum erstenmal etwas von Joy Division und mein leben war nicht mehr so wie vorher
keine gruppe hat mit ihrer musik soviel in mir bewegt wie JD.
ich habe auch Aus der Ferne....gelesen und kann Stefans euphorie voll und ganz nachvollziehen.
es gibt noch ein (deutschsprachiges) buch namens Inside Out,welches auch sehr zu empfehlen ist.
die intensität der konzerte kann man am besten auf den live-bootlegs nachempfinden - klangliche abstriche muss man da aber in kauf nehmen.
die qualität geht von sehr brauchbar bis zumutung
die vhs-kassette Here Are The Young Man ist auch zu empfehlen wenn man weiter in die "materie" vordringen möchte.hat natürlich keine dvd-quali.
eine wichtige gruppe die viele musiker inspiriert hat die einfach nicht in vergessenheit geraten darf.
viele grüße
Sven
mitte der 80er hörte ich zum erstenmal etwas von Joy Division und mein leben war nicht mehr so wie vorher
keine gruppe hat mit ihrer musik soviel in mir bewegt wie JD.
ich habe auch Aus der Ferne....gelesen und kann Stefans euphorie voll und ganz nachvollziehen.
es gibt noch ein (deutschsprachiges) buch namens Inside Out,welches auch sehr zu empfehlen ist.
die intensität der konzerte kann man am besten auf den live-bootlegs nachempfinden - klangliche abstriche muss man da aber in kauf nehmen.
die qualität geht von sehr brauchbar bis zumutung
die vhs-kassette Here Are The Young Man ist auch zu empfehlen wenn man weiter in die "materie" vordringen möchte.hat natürlich keine dvd-quali.
eine wichtige gruppe die viele musiker inspiriert hat die einfach nicht in vergessenheit geraten darf.
viele grüße
Sven


